Walter Schmitz – Eröffnungsrede
Über die Deutschen – von hier und von dort
Ich verstoße nicht gegen den Datenschutz, wenn ich Ihnen heute berichte, dass es in den Vorgesprächen zur Verleihung des Chamisso-Preises an Dana von Suffrin, aber auch schon im Jahr zuvor, als es um die Preisträgerin Iris Wolff ging, kategorisch erklärt wurde, diese Autorinnen könnten unseren Preis für Migrantisches Schreiben gar nicht erhalten, denn sie seien ja ‚deutsch‘. Ehe ich - mit Ihnen - dieses anspruchsvolle Attribut ‚deutsch‘ etwas genauer betrachte, will ich Sie auf einen sprachlichen Mechanismus aufmerksam machen: Es ist die Implikation des Gegenteils. Danach also sind die einen offenkundig deutsch, und die anderen, die Migrantischen, die sind es eben nicht, sind nicht ‚deutsch‘, sind Fremde, dich nicht dazugehören. So war das mit dem Preis freilich nicht gemeint. Und die Entscheidung ist ja selbstverständlich anders gefallen.
Es ist eine sehr komplexe Angelegenheit mit dem Deutsch-Sein, wenn ein deutsches Wesen gemeint sein soll. Aber es ist ein Privileg der Literatur - und in ihrem Gefolge auch der Literaturwissenschaft - genau mit Worten umzugehen. Und so merken wir auf, wenn die Sprache uns nicht nur führt, wenn sie uns also nicht nur eine symbolische Ordnung der Wirklichkeit vorgibt, sondern wenn sie uns mit suggestiven Selbstverständlichkeiten – etwa: das ist ‚deutsch‘ – verführt. Die Verführung durch Sprache ist ein Leitthema der politsch-gesellschaftlichen Entwicklung, seit es Massenmedien gibt, also seit der Frühen Neuzeit im 15./16.Jahrhundert; und es ist heute aktuell wie nie zuvor. Literatur aber schenkt den Leser:innen die Möglichkeit, auf die Genauigkeit der Worte zu achten, den Phrasen so weit nachzugehen, bis sich zeigt, was damit wirklich gesprochen und bewirkt wird: Das mag dann auch Lüge und Gewalt sein.
Halten wir fest: ‚deutsch‘ ist zunächst ein Rechtsbegriff; es sind alle, die die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, zur Zeit rund 71 Millionen Menschen, das sind rund 85% der Gesamtbevölkerung in Deutschland. Sind aber die 15% Ausländer dann von vorneherein fremd und gar ‚undeutsch‘? Halten wir weiter fest: Es gibt ein mächtiges Sinn-Erbe aus dem 19. Jahrhundert, also aus der Zeit, als sich ein Nationalstaat aus den mehr als 30 deutschen Territorialstaaten formierte; und diese semantische Prägung besagt, dass zur Nation ein einheitliches und einiges Volk gehöre müsse, und das seien die Deutschen. Dieses Verlangen - nennen wir es in unserer Gegenwartssprache: dieses Verlangen nach ethnischer Homogenität – ließ sich mit der Wirklichkeit von Beginn an nicht vereinbaren. Die anderen waren immer schon da, und sie galten als innere Feinde: Das waren einmal, altererbt seit der frühen Neuzeit, die mit dem falschen Glauben im protestantisch dominierten Reich - also die Katholiken, die nach der Reichsgründung offen und massiv diskriminiert wurden mit Folgen bis zum Ersten Weltkrieg; das waren zum anderen, in dieser Ära, die den Rassismus entdeckte, die Sorben, die nicht ‚zu uns‘ gehören sollten und verdächtig waren. Und es waren in einer besonders prekären Zwischenstellung die Juden, einerseits von falscher Religion, andererseits auch dann, wenn sie durch Konversion Zugehörigkeit erlangt zu haben glauben, ins soziale Getto der Rassenfeindschaft gebannt. Im April 1881 wurde eine reichsweite Antisemiten-Petition mit einer Viertelmillion Unterschriften dem Reichskanzleramt übergeben; der Reichskanzler Otto von Bismarck ignorierte sie. Zu den Erstunterzeichnern zählte aus Dresden nur: Widemann, Juwelier, Dresden-Neustadt.[1] Im Folgejahr allerdings fand ein erster „Internationaler antijüdischer Kongress“ in Dresden statt.[2]
Doch dies ist keine besondere Dresdner Geschichte. - Die Bevölkerung des deutschen, wie auch die anderer Nationalstaaten, entzog sich beharrlich dem Anspruch, ein Volk zu sein; die Vielfalt – wir würden heute vielleicht sagen: Multikulturalität - steigerte sich stattdessen noch: Denn zum nationalen Staat, der sich nach außen so deutlich abgegrenzte, gehört von Beginn an auch die Grenzüberschreitung, Migration aus dem Land und in das Land. Das 20. Jahrhundert wird in seiner ersten Hälfte zum Jahrhundert eines exzessiven Nationalismus und von bis dahin ungeahnten Migrationsprozessen, von Bevölkerungsverschiebungen ohne gleichen. Juden auf Wanderschaft nennt der Schriftsteller Josef Roth 1927 eine Reportagereihe für die Frankfurter Zeitung; er schilderte, wie die Ostjuden und –jüdinnen, die sich vor dem wachsenden Antisemitismus und unerträglichen Lebensumständen nach Westen ausbrachen, wie sie dort ankamen – oder wie ihnen die Ankunft schwer gemacht wird: „Der Verfasser“, so schreibt er im Vorwort der Buchausgabe, „hat die törichte Hoffnung, daß es noch Leser gibt, vor denen man die Ostjuden nicht zu verteidigen braucht; Leser, die Achtung haben vor Schmerz, menschlicher Größe und vor dem Schmutz, der überall das Leid begleitet; Westeuropäer, […] die fühlen, daß sie vom Osten viel zu empfangen hätten und die vielleicht wissen, daß aus Galizien, Rußland, Littauen, Rumänien große Menschen und große Ideen kommen; aber auch (in ihrem Sinne) nützliche, die das feste Gefüge westlicher Zivilisation stützen und ausbauen helfen – nicht nur die Taschendiebe, die das niederträchtigste Produkt des westlichen Europäertums, nämlich der Lokalbericht, als ‚Gäste aus dem Osten‘ bezeichnet.“ (S. 8) Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wanderten rund eine Million Menschen nach Deutschland ein: Flüchtlinge aus der Sowjetunion, polnische Arbeitskäfte, ehemalige Reichs- und Volkksdeutsche. Und das Dritte Reich brachte brutale Bevölkerungsverschiebungen, Umsiedlungen und Fluchtbewegungen in nie gekanntem Ausmaß; der ganze Kontinent war in gewaltsamer Bewegung, vor, während und nach dem Weltkrieg. Wenn aber heute von Migration die Rede ist, dann geht die Wahrnehmung wohl selten vor die Schwelle der 1960er Jahre zurück, die Zuwanderung angeworbener Arbeitskräfte in der Bundesrepublik wie in der DDR.
Seltener erinnert wird an die sog. displaced persons der unmittelbaren Nachkriegszeit, vor allem aus dem früheren Kriegsgebiet im östlichen Europa fliehenden Menschen, deren Lebensgrundlage zerstört war, die vielleicht unter kommunistischer Herrschaft neue Verfolgungen fürchten mussten – und unter ihnen viele Jüdinnen und Juden, die nicht ins deutsche Land der Täter des Holocaust wollten, aber auch nicht wußten, wohin sonst. Oft sprachen sie deutsche Sprache nicht, oft aber gehörten sie zu jenen ‚Kulturdeutschen‘ (Dan Diner), die sich der deutschen Kultur zugheörig wußten, die an das Kulturvolk der Deutschen glaubten, als dort so viele schon längst ihre ‚Mitmachbereitschaft‘ im Dritten Reich bewiesen hatten. Dass ihnen dieses Land noch ‚Heimat‘ werden könnte, war für diese jüdischen displaced persons nach 1945 fast unvorstellbar. Und doch: Manche blieben, und in deren Kreis entwickelte schon früh – wie stets in migrantischen Milieus – eine Literatur, in der vorerst eben die Erfahrung der Fremde im Zentrum stand. In der DDR schrieb Jurek Becker über die schwierige Ankunft jüdischer Überlebender in der DDR und die ebenso heikle Beziehung. Becker wurde 1937 in Łodz geboren, kam nach dem Krieg mit seinem Vater Mieczyslaw Bekker (dann: Max Becker) in die DDR, lernte Deutsch, verließ die DDR 1977; danach interessierte literarisch auch seine migrantisch-jüdische Geschichte nicht mehr, und ebensowenig zeigt in seinem Werk noch eine jüdische Figur noch an dem jüdischen Staat Israel ein Interesse, das in der vorgeblich nicht antisemitischen, dezidiert aber antizionistischen DDR noch ein besonders heikles Sujet gewesen war. Die frühen Romane des Münchner Autors Raphael Seligmann, geboren 1947 in Tel Aviv, 1957 mit seinen Eltern in der Bundesrepublik Deutschland eingewandert, handeln beharrlich vom Entschluß zur alija (alijá), dem ‚Aufstieg in gelobte Land‘ Israel - und dem Zweifel daran zugunsten einer ‚Heimat‘ unter den Deutschen. Und bei Vladimir Vertlib, der 1966 in Leningrad geboren wurde, 1971 mit seinen Eltern emigrierte, erst 1981 sich in Österreich ansiedelte, lesen wir wiederum vom Pendeln der jüdischen Auswander zwischen dem deutschen Kulturraum und dem Nationalstaat Israel. (Man konnte davon auch bei seiner Dresdner Poetikdozentur 2006 hören – auch nachzulesen). So also drei ‚deutsche‘ Autoren in drei deutschen Staaten.
In der Tat also: ‚deutsch‘ meint offenkundig mehr als Staatsbürgerschaft. Aber ehe wir jetzt auf den vielbesprochenen Gegensatz von Sprach- und Kulturnation einschwenken, ziehe ich vor, das zu tun, was sich bei der Überprüfung der Worte so oft empfiehlt: Ich ändere die Perspektive, und frage nicht: ‚Wer ist deutsch?‘, sondern: ‚Was wäre vielleicht ‚deutsch‘? Und dann muss ich die gesellschaftlichen und letztlich (migrations-)politischen Folgen gar nicht ausbuchstabieren, denn die Literatur, die Schriftsteller:innen und Schriftsteller erweisen sich hier einmal mehr als symbolische Avantgarde, sie haben geschrieben und haben auch vorgelebt, worum es geht: Denn es geht hier nicht um Assimilation und Unterwerfung unter eine statische Norm des traditionell ‚Deutschen von je her‘, sondern es geht um einen Prozeß der Teilhabe, um eine Partizipation, die verändert und eine neue Gemeinsamkeit schafft, vielleicht ‚Heimat‘ in Deutschland für die länger Ansässigen wie für Zuwanderer. Das ist keine einfache Aufgabe, sie stellt Probleme für die Ansässigen wie Probleme für die Ankommenden; aber in der alltäglichen Lebensbewältigung sind diese Probleme auch immer wieder neu gelöst worden, in den Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg jedenfalls. Und in den Büchern, die wir zum migrantischen Schreiben zählen, finden wir die Geschichten dazu, die zur eigenen Erinnerung der Schreibenden gehören oder die in der Familie weitergeben wurden und so das Leben prägten. Es sind Anworten auf Erfahrungen in der Fremde, auf den Blick zurück in Herkunftsländer, auf die Verweigerung von Zugehörigkeit – und auf das Gelingen. Und diese ‚deutschen‘ Geschichten verflechten sich: Dana von Suffrin schreibt über Otto, der als Siebenbürger Jude im kommunistischen Rumänien schließlich ins Exil gedrängt wurde, Iris Wolff schreibt von der Freundschaft zwischen zwei Mädchen, siebenbürgisch-sächsisch-deutsch die eine, jüdisch-siebenbürgisch-deutsch die andere; sie beschreibt, wie diese Freundschaft sich bewährt, aber sich – in unterschiedlichen Exil-Ländern – nicht bewahren lässt. Und wenn also es darum geht, was ‚deutsch‘ sein soll – so stellt schließlich jedes dieser Bücher auch eine Frage an jede Leserin und jeden Leser nach deren Teilhabe und Mitwirkung an diesem Prozeß der Zueinander-Findens von Geschichten in Deutschland, nicht nur in der Literatur. Vielleicht so, wie man es in Familien findet, von deren Dana von Suffrin zu erzählen weiß. Wir werden aber im Blick auf die Geschichte dabei auch nicht vergessen, wie dieses Zueinander-Finden immer wieder brutal blockiert und zerstört wurde, aber ebensowenig, wie es immer wieder geglückt ist. Wie auch am Anfang der Geschichte des heutigen Abends, zweihundert Jahre früher, ein Heimisch-Werden bei ‚Erbfeinden‘ steht, als der französische Emigré Adalbert von Chamisso zu einem deutschen Dichter wurde.
[1] URL: https://ghdi.ghi-dc.org/pdf/deu/413_Antisemitempetition_114.pdf
[2] Vgl. Kurt Wawrzinek: Die Entstehung der deutschen Antisemitenparteien 1873 – 1890. Berlin: , Dr. Emil Ebering 1927.
Dana von Suffrin – Dankesrede
Danke
An die Jury des Chamisso-Preises, an den Verein Bildung und Gesellschaft, vor allem an Walter Schmitz, an die Sächsische Akademie der Künste, danke an Jan Valk und Anvar Cukoski, Anette Kühnel, an meinen Verlag.
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Jetzt kommt aber noch was ganz anderes, die Kehrseite des Dankes sozusagen.
Ich habe etwas kleines vorbereitet
Zum genauen Zweck können Sie mich ja nachher befragen – ich bin immer noch nicht sicher, ob folgende Liste heimlich in meinem Kopf geführt wird, damit ich wie jeder Mensch nie vergesse, wo ich herkomme und zu was ich einmal werde, und ich bin mir fast sicher, dass die Liste nicht dazu bestimmt ist, ans Tageslicht gezerrt und sogar vorgelesen zu werden,
und das erinnert mich natürlich immer an die Generationen von Männern in meiner Familie, von der ich genau genommen nur eine einzige kennenlernen durfte, nämlich die meines Vaters, aber aus diesem Vater und diesem Onkel kann man sicher ohne weiteres mehr Väter und sogar Vorväter ableiten, schließlich kannten wir ja doch die ein oder andere Geschichte, und das waren also alles Männer, die schon früh begonnen haben, schon mit 25, 30 Jahren, die Hände hinter dem Rücken zu verschränken wie ganz alte Männer, denn ihnen war nicht entgangen, dass die Welt beschlossen hatte, sie zu bestrafen, und so gingen sie sozusagen aus Vorsicht schon etwas gebückt, vielleicht auf die seltsame Weise, die suggeriert, dass es sich nicht um reine Demut handelt, sondern um Demut, die man mit ein wenig Hochmut versüßt hat. Aber diese Männer waren gleichzeitig auch immer irgendwie jung, sie waren voller seltsamer Ideen und Gedanken und Phantasmen, ich möchte nur kurz – bevor ich zur Liste komme, über die ich rede, ohne dass Sie wissen können, was ich meine - daran erinnern, dass mein Vater einmal einen Wasserwechselautomaten für das heimische Aquarium erfunden hat, den er sogar beim Münchner Patentamt angemeldet hat, der aber für immer ein Prototyp blieb, was ihn nicht im Geringsten störte. Ich erinnere mich jedenfalls gut an die Abende, an denen er großformatige Zeichnungen vor mir ausbreitete, die ich sehr bewunderte, und er versuchte, mein kindliches Wesen in Richtung der Naturwissenschaften zu lenken. Ich muss nicht hinzufügen, dass ihm das nicht gelungen ist, und ich möchte mich noch heute bei ihm dafür entschuldigen, aber er ist natürlich schon lange tot. Vielleicht bleiben wir solange Kinder, wie wir uns bei den Eltern entschuldigen möchten.
Mein Vater hat übrigens nach eigener Auskunft schon in den 50er oder 60er Jahren Inline-Skates erfunden, zumindest in seinem Kopf, und er behauptete, seine Mutter, meine Großmutter, habe kurz nach der Immigration nach Israel zu Beginn der 60er Jahre den Anrufbeantworter erdacht. Hier muss er sich aber getäuscht haben, denn der Anrufbeantworter wurde schon viel früher erfunden und erstmals 1936 vermarktet als Textophon. 1936 ist übrigens auch das Geburtsjahr meines Vaters, und das war vielleicht eine viel verrücktere Idee meiner Großmutter: 1936 und 1938 noch Kinder auf die Welt zu bringen. Jetzt bin ich aber wieder ganz woanders angekommen, als ich eigentlich hinwollte, das passiert mir also nicht nur in den Büchern, sondern auch hier, und ich verspüre schon wieder den Drang, mich zu entschuldigen, aber gleichzeitig finde ich natürlich nichts schöner, als sich zu verlaufen.
In der Dresdner Neustadt habe ich mich übrigens auch schon verlaufen, und als ich wieder auf dem Weg zurück zum Hotel war, stand ich vor einem Reisebüro. Anstatt einem Namen war auf dem Leuchtschild ein rotgelber Schmetterling – und plötzlich erinnerte ich mich daran, wie wir als Kinder stundenlang auf dem Teppich saßen und genau diese Schmetterlinge aus den Urlaubskatalogen ausschnitten, während unsere Mutter, den Telefonhörer zwischen Kinn und Schulter eingeklemmt, auf der Schreibmaschine Zettel ausfüllte und nur kurz die Hände von den Tasten hob, um uns möglichst lautlos neue Kataloge zuzuwerfen. Meine Mutter betrieb ihr kleines Reisebüro aus dem Wohnzimmer, während wir aus der Schule kamen, die Kühlschranktür aufrissen, die Hunde ärgerten, stundenlang fernsahen - und Schmetterlinge und Traumstrände und Frauen im Bikini ausschnitten. Ich habe ewig nicht mehr daran gedacht, nur das Leuchtschild hat mich nacheinander an die kleinen Scheren mit den Plastikgriffen, an die Traumstrände der Dominikanischen Republik, an das ewige Klappern der Schreibmaschine, an unsere Mutter erinnert. Ich habe meiner kleinen Schwester ein Foto vom Dresdner Schmetterling geschickt und sie hat mit einem Fragezeichen geantwortet.
Einmal wollte eine Kundin unserer Mutter nach Neuseeland fliegen, und unsere Mutter fragte wieso, in ihrer Stimme schwang ein bisschen Empörung, und die Kundin sagte, sie sei von der sagenhaften Landschaft fasziniert, und unsere Mutter sagte, geh, da sieht es genauso aus wie in Bayern, bleiben Sie einfach hier und sparen Sie sich das Geld. Ich glaube, die Kundin flog dann woanders hin. Ich habe mich gestern Abend also gewissermaßen verlaufen, um wieder dort anzukommen, wo meine Mutter jemanden davon abgehalten hat, sich zu verlaufen. Meinte sie zumindest.
Ich weiß auch nicht genau, warum wir bei diesen Dankesreden immer zuerst bei der Familie landen. Sie werden gleich sehen, ich bin meiner Familie zumindest nicht uneingeschränkt dankbar.
Jetzt also zur Liste. Ich weiß nicht, ob ich die Liste, wie eingangs gesagt, nur führe, um nicht wie die Männer in den Generationen vor mit hinter dem Rücken verschränkten Händen herumlaufen zu müssen. Vielleicht führe ich sie nur heimlich in meinem Kopf, weil ich mich immer ein wenig schuldig fühle, weil ich meinen Beruf ausüben darf, und eben nicht Teller spülen oder kopieren muss, ich habe übrigens ziemlich lange kopiert und gespült. Mein Beruf ist übrigens im ungefähr gleichen Maß herrlich und schrecklich ist, aber mir hilft er, nicht zu vergessen, dass man sich nicht davon abhalten lassen sollte, sich zu verlaufen, wenn man gerade in der Laune dazu ist.
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Nicht ganz vollständige Liste aller Entmutigungen
Meine Grundschullehrerin Frau Tyroller, die rote Locken trägt und ein grünes Dirndl: Es ist der erste Schultag, wir gehen auf den Flur, sie steckt einen Kassettenrekorder an und wir, sechsungzwanzig Erstklässler, tanzen den Pinguinen-Cha-Cha. Nach zwei Minuten greift sie mich am Arm, und schimpft: ich soll nicht immer aus der Reihe tanzen. Ich bin sechs.
Mein Musiklehrer, Herr März, der sich freundlich erkundigt, wieso ich seit drei Jahren das gleiche Stück von Bela Bartok spiele
Mein Professor von früher, der mich jetzt schon zweimal, als wir uns auf der Straße getroffen haben, gefragt hat, ob ich davon denn leben könne
Mein Biologielehrer Herr Stratil, der findet, dass ich vom Typ ungefähr Claudia Roth entspräche
Onkel Robert, der fragt, warum das Kind so mager ist.
Meine große Schwester, die sagt, dass die Hosen von Dickies kaschieren.
Meine Klassenkameraden, die mich Bulimie nennen.
Meine Großmutter, die fragt, warum die Kinder so hässlich sind, obwohl der Vater wie ein Schauspieler aussieht.
Meine Cousine Dafna, die sich seit Jahrzehnten von riesigen Schüsseln Krautsalat ernährt und die selbst als sie schon Offizierin ist, vor jedem sich spiegelnden Schaufenster stehenbleibt und traurig ihre Oberschenkel betrachtet.
Mein hässlicher Nachbar mit dem Jutebeutel, der denkt, er kann es trotzdem mal versuchen.
Mein Vater, der Jankele Chentov den Arm in die Rippen stößt, nachdem Jankele sich gerade nach meinem Studium erkundigt hat, er hat von mit in der dritten Person gesprochen, obwohl ich ihm gegenüber sitze. Was studiert sie? Mein Vater lacht sich halbtot und sagt: blablabla. Jankele Chentov lacht auch.
Der Geschäftsführer des Historischen Seminars der LMU München, der schreibt, dass meine Fähigkeiten, Formular 43a auszufüllen, eher suboptimal sind
Meine Chefin, die findet, dass ich schuld bin.
Frau Ellen von Rabeur, die sagt, dass sich ganz sicher etwas neues ergeben wird
Meine Mutter, die mir in der Nacht, bevor ich mit 21 drei Monate alleine nach New York gehe, auf den – ausgerechnet - Anrufbeantworter spricht, dass etwas Schreckliches passieren wird, und ich gefälligst zuhause bleiben soll
Meine Schwester, die sagt, ich soll doch nicht kommen
Mein Exfreund, der fragt, warum mein Volk so rachsüchtig ist
Mein Exfreund, der sagt, dass ich meine ganze Karriere auf der Ausbeutung des Schicksals meines Vaters aufgebaut habe
Mein Exfreund, der sagt, dass ich meine ganze Karriere auf der Ausbeutung des Namens meines geschiedenen Mannes aufgebaut habe
Mein Exfreund, der sagt, ich habe meine ganze Karriere auf Banalitäten und Bräsigkeiten aufgebaut
Mein Exfreund, der sagt, ich weigere mich regelrecht, zu denken
Mein Vater, der mich im Delirium für seine Mutter hält
Mein Vater, von dem wir ziemlich genau wissen, wie er seine erste Frau verlassen hat
Mein Vater, der meiner Schwester ins Ohr flüstert, dass er die Welt erschaffen hat
Mein Exfreund, der mir sagt, dass ich Pynchon sowieso nie verstehen würde
Der Bekannte, der mir sagt, dass ich Ride sowieso nie verstehen würde
Die Mutter meines Exfreundes, H. aus E., die mich an Weihnachten nie eingeladen hat, und sich dann im Januar beschwert hat, dass ich an Weihnachten nie komme
Die Mutter meines Exfreundes, die mir ein gebrauchtes Kleid in Größe S schenkt und dann minutenlang lacht und klatscht, weil ich es gerade so über den Kopf ziehen kann
Mein Exfreund, der einfach daneben steht, und zusieht, wie seine Mutter minutenlang lacht, weil ich nicht in ihr gebrauchtes Kleid in Größe S passe
Die Exfreundin meines Vaters, Larissa aus Chadera, die uns zu unserem zweiten Treffen zwei Leggings mit Cut-Outs bringt, weil sie findet, dass wir nicht sexy genug sind
Meine Kommilitonen, die erzählen, dass jedes Großelternteil im Widerstand war, meine Kommilitonen, dir wirklich denken, ihre Großmütter haben Hitler ins Gesicht geschlagen und ihre Großväter hätten allesamt drei arme Juden aus Warschau im Dachboden versteckt
Der deutsche Publizist, der auf keine meiner sechs Mails antwortet, und dessen Sekretärin nur auf die ersten drei reagiert
Der Literaturfonds Deutschland, der mir mitteilt: "nach der vergangenen Kuratoriumssitzung müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Antrag AS-2024-3-0199 auf Förderung vom 28.03.2024, über den eingehend beraten worden ist, nicht die nötige mehrheitliche Zustimmung der Gremiumsmitglieder des Deutschen Literaturfonds gefunden hat. Die Gründe für die Entscheidung des Kuratoriums können wir Ihnen leider nicht mitteilen. Dafür bitten wir Sie um Ihr Verständnis"
Der Literaturfonds Deutschland, der mir mitteilt: "nach der vergangenen Kuratoriumssitzung müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Antrag AS-2023-2-0459 auf Förderung vom 25.03.2023, über den eingehend beraten worden ist, nicht die nötige mehrheitliche Zustimmung der Gremiumsmitglieder des Deutschen Literaturfonds gefunden hat. Die Gründe für die Entscheidung des Kuratoriums können wir Ihnen leider nicht mitteilen. Dafür bitten wir Sie um Ihr Verständnis"
Der Literaturfonds Deutschland, der mir mitteilt: "nach der vergangenen Kuratoriumssitzung müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Antrag AS-2022-6-0299 auf Förderung vom 24.03.2022, über den eingehend beraten worden ist, nicht die nötige mehrheitliche Zustimmung der Gremiumsmitglieder des Deutschen Literaturfonds gefunden hat. Die Gründe für die Entscheidung des Kuratoriums können wir Ihnen leider nicht mitteilen. Dafür bitten wir Sie um Ihr Verständnis"
Der Amazon-Rezensent Polygraph, der schreibt, mein Buch bestehe aus "unzusammenhängenden Kapiteln von zwei bis fünf Seiten, in denen in loser Folge und ohne übergeordnete Dramaturgie Episoden aus dem häufig schwierigen Beisammensein zwischen Otto und seinen Töchtern beschrieben wird: Mal am Esstisch, mal im Urlaub, mal im Krankenhaus, aber letztendlich austauschbar und irgendwann auch immer dasselbe."
Der Orthopäde, der sagt, dass es sich um eine altersgemäße Abnutzung handelt
Die deutsche Rundfunkjournalistin, die mich fragt, ob ich zumindest schon körperlich angegriffen wurde
Die deutsche Rundfunkjournalistin, die mich fragt, warum ich nicht einfach auswandere
Der Leserbriefschreiber, der sagt, dass es unmöglich gewesen wäre, etwas Nettes zu den Juden zu sagen, ohne Bibi Netanjahu zu unterstützen
Der Kollege, der sagt, ich sei ihm ganzen Betrieb als zanksüchtige Bitch bekannt, die sich eh mit allen zerstreite, er mache sich keine Sorgen, dass man deiner Version mehr Glauben schenken werde als seiner, aber ich schlage dennoch vor, dass wir beide einfach unsere Klappe halten, denn sooo wichtig sei das nun auch nicht
Der Journalist, der sagt, ich sei eine wichtige jüdische Stimme